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8. März 2026„Erfurts Netze sind stabil – aber die Spielregeln verändern sich“
Am 3. Januar 2026 kam es im Berliner Südwesten zu einem großflächigen Stromausfall, ausgelöst durch einen Brand an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal nahe dem Kraftwerk Lichterfelde. Betroffen waren rund 45.000 Haushalte und etwa 2.200 Gewerbekunden in mehreren Ortsteilen, in den Folgetagen war von Sabotage beziehungsweise einem Brandanschlag die Rede, die Bundesanwaltschaft übernahm Ermittlungen.
Vor diesem Hintergrund stand bei der Gesprächsrunde im Rahmen der Sitzung des SPD-Ortsvereins Erfurt Süd am 2. Februar 2026 im SPD Büro am Anger ein Thema im Mittelpunkt, das meist erst dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn es ausfällt: die Sicherheit und Zukunftsfähigkeit unserer Strom- und Wärmenetze. Gast des Abends war Frank Heidemann, Geschäftsführer der SWE Netz GmbH. Vor dem Hintergrund der Ereignisse in Berlin ging es um konkrete Fragen: Wie sicher ist die Versorgung in Erfurt? Was passiert im Krisenfall? Und wie verändert die Energiewende die Netze?
„Unsere Infrastruktur ist sichtbar – Sicherheit entsteht im System“
Heidemann machte deutlich, dass Stromversorgung nicht im Verborgenen stattfindet. Umspannwerke, Trafostationen und Kabeltrassen gehören zum Stadtbild. Schutz entstehe deshalb nicht durch Abschottung allein, sondern durch Technik, Organisation und klare Abläufe. Anlagen würden regelmäßig gewartet, Zustände in Leitstellen überwacht, Notfallpläne seien vorhanden.
Zu konkreten Sicherheitsdetails äußerte er sich bewusst zurückhaltend. Sensible Informationen gehörten nicht in die breite Öffentlichkeit. Gleichzeitig betonte er, dass die Versorgungssicherheit in Erfurt hoch sei.
Vom Großkraftwerk zum Millionen-Netz: Warum Steuerung heute komplexer ist
Ein Gedanke zog sich durch den Abend: Die Stromwelt von heute ist nicht mehr die von vor 20 Jahren. Früher speisten wenige große Kraftwerke ein. Heute gibt es zahllose kleine Erzeuger, etwa Photovoltaikanlagen auf Dächern. Gleichzeitig steigen die Lasten durch Wärmepumpen und Elektromobilität.
„Früher wurde die Netzfrequenz durch relativ wenig Großkraftwerke mit teilweise unterschiedlichen technischen Funktionen gesteuert. Heute beeinflussen Tausende ‚Klein-, Mittel- und Großerzeuger‘ diese Netzstabilität“, beschrieb Heidemann die veränderte Struktur. „Erfurts Netze sind stabil, aber die Spielregeln verändern sich.“ Das bedeute mehr Koordinationsaufwand, mehr digitale Steuerung und deutlich mehr Netzausbau.
Balkonkraftwerke: sinnvoll – aber bitte angemeldet
Auch die beliebten Mini-PV-Anlagen für Balkon oder Terrasse waren Thema. Sie seien heute nicht mehr wegzudenken, so Heidemann. Entscheidend sei jedoch, dass sie ordnungsgemäß im sogenannten Marktstammdatenregister durch die Betreiber selber registriert werden. Nur wenn der Netzbetreiber weiß, welche Anlagen einspeisen, kann er die örtliche Netzsituation realistisch einschätzen.
Gerade in Straßenzügen mit vielen kleinen Einspeisern könne es sonst zu technischen Engpässen oder gar Gefahrensituationen kommen. Transparenz auf technischer Ebene sei hier Voraussetzung für Stabilität.
Fernwärme oder Gas? Erfurt plant seine Wärme neu
Ein Schwerpunkt der Diskussion war die kommunale Wärmeplanung in Erfurt. Ziel ist es, klare Wärmeperspektiven in den verschiedensten Stadtgebieten zu schaffen: Wo wird Fernwärme ausgebaut, wo sind andere Lösungen – etwa Wärmepumpen (Strom) oder perspektivisch Wasserstoff – sinnvoll und auch für die Kunden wirtschaftlich machbar?
Heidemann machte deutlich, dass sich dauerhafte Doppelstrukturen kaum wirtschaftlich erhalten lassen. Wenn ein Gebiet an die Fernwärme angeschlossen wird, werde sich die klassische Gasversorgung dort perspektivisch zurückziehen. Diese Entscheidungen müssten gut vorbereitet und nachvollziehbar kommuniziert werden.
Wasserstoff für Erfurt? Technisch möglich – wirtschaftlich eine Frage der Menge
Für Aufmerksamkeit sorgte die Perspektive auf Wasserstoff. Nach Darstellung von Heidemann ist das Erdgasnetz in Erfurt bereits heute grundsätzlich „wasserstoff-ready“: Für eine Umstellung wären vor allem Anpassungen bei Verbrauchern (z. B. Brennern und Komponenten) sowie Anpassungen in einzelnen Netzabschnitten nötig. „Wasserstoff ready“ sei also kein Slogan, sondern eine reale Option.
Die eigentliche Herausforderung liege jedoch in der Verfügbarkeit. Wasserstoff müsse in deutlich größeren Mengen in Europa produziert werden, damit er preislich konkurrenzfähig wird. Für die Industrie, auch für Erfurt, sei dies von großer Bedeutung. Dies ist eine Aufgabe der Politik, die deutsche Wasserstoffstrategie darauf auszurichten. Solange grüner Wasserstoff knapp und teuer sei, bleibe er eine Zukunftsoption, deren Wirtschaftlichkeit vom Hochlauf der Produktion abhängt.
Drei Tage ohne Strom: Was jeder wissen sollte
Ein weiterer Diskussionspunkt war die private Vorsorge. Heidemann verwies auf Empfehlungen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Wer Wasser, haltbare Lebensmittel, Lichtquellen und ein batteriebetriebenes Radio für einige Tage vorhalte, sei für kurzfristige Störungen gut gerüstet. Es gehe nicht um Alarmismus, sondern um realistische Vorbereitung.
Der Abend zeigte, wie eng Netzsicherheit, Energiewende und kommunale Planung zusammenhängen. Erfurt steht vor großen Aufgaben beim Umbau seiner Energieversorgung. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die bestehenden Strukturen belastbar sind und der Umbau Schritt für Schritt geplant erfolgt.






