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8. März 2026Zwischen Sparzwang und Bildungschance: SPD Erfurt-Süd diskutiert Zukunft der Kitas
Der Ortsverein SPD Erfurt-Süd hat am Montagabend (02.03.2026) im Restaurant „Zur Hohen Lilie“ zur Diskussionsveranstaltung „Kitas am Scheideweg: Zwischen Sparzwang und Bildungschance – Was die sinkenden Geburtenzahlen für Erfurts Kitas wirklich bedeuten“ eingeladen. Der Seminarraum war gut gefüllt – das zeigte deutlich, wie groß das Interesse am Thema in Partei und Stadtgesellschaft ist. Eltern, Erzieherinnen, Trägervertreterinnen und Genoss*innen diskutierten engagiert mit und brachten unterschiedliche Perspektiven ein.
Auf dem Podium saßen Eric Keske (Vorsitzender des Stadtelternbeirats Erfurt), Miriam Trautwein (AWO-Kitaträgerin), Betti Löbl (stellvertretende Landesvorsitzende der GEW Thüringen und Erfurter Kitaleiterin) sowie Daniel Mroß als Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses und des SPD-Ortsvereins Erfurt-Süd.
„Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsproblem“
Zu Beginn stellte Daniel Mroß in einem kurzen Vortrag die wichtigsten Daten aus der mittelfristigen Bedarfsplanung 2026–2030 vor. Die Zahlen zeigen deutlich: Zwischen 2017 und 2025 sind die Geburten in Erfurt deutlich zurückgegangen. Bis 2030 wird die Stadt – je nach Szenario – rechnerisch deutlich weniger Kita-Plätze benötigen als heute. Gleichzeitig verweist die Statistik darauf, dass ab etwa 2029 mit einer Stabilisierung der Kinderzahlen zu rechnen ist – die Talsohle ist also nach aktuellen Prognosen zeitlich begrenzt. „Wir wissen ziemlich genau, was auf uns zukommt“, fasste Mroß zusammen. „Unser Problem ist deshalb nicht fehlendes Wissen, sondern die Frage, ob wir politisch handeln – oder alles dem nackten Kostendruck überlassen.“ In der Diskussion waren sich alle einig: Es gibt kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsproblem. Die Daten liegen auf dem Tisch – nun geht es darum, wie Stadt, Land, Träger und Politik darauf reagieren.
Eltern, Träger, Fachkräfte: Demografie ist spürbar – aber kein Argument für Kahlschlag
Eric Keske schilderte eindrücklich, wie Eltern den Wandel erleben: In einigen Stadtteilen bleibt die Sorge, überhaupt einen Platz zu bekommen, in anderen wächst die Angst, dass Kitas geschwächt oder perspektivisch geschlossen werden. „Eltern brauchen vor allem Verlässlichkeit im Quartier. Es hilft niemandem, wenn Kitas erst jahrelang überfüllt waren und jetzt ausgerechnet dort infrage stehen, wo Familien auf kurze Wege angewiesen sind“, so Keske.
Miriam Trautwein machte deutlich, wie unmittelbar sich die sinkenden Kinderzahlen in den Haushalten der Träger niederschlagen. Sie erläuterte das äußerst komplexe Finanzierungssystem. Die Finanzierung der Kitas ist stark an belegte Plätze gekoppelt – fallen Kinder weg, fehlen Einnahmen. „Wir geraten schnell in einen Strudel: weniger Kinder, weniger Geld, Druck auf die Personalkosten“, erklärte sie. „Wenn wir diese Phase nicht aktiv politisch abfedern, sind Personalabbau und Standortaufgaben die logische Folge.“
Betti Löbl brachte die Perspektive aus dem Kita-Alltag ein – und zugleich die gewerkschaftliche Sicht der GEW Thüringen, deren stellvertretende Landesvorsitzende sie ist. Sie verwies u.a. darauf, dass die Personal-Kind-Relation in Thüringen nach wie vor deutlich schlechter ist als in Westdeutschland – sowohl in den U3- als auch in den Ü3-Gruppen. Gleichzeitig geht die Zahl der angehenden Erzieher*innen zurück. „Wir haben also weniger Kinder, aber auch weniger Fachkräfte und noch längst keinen entspannten Personalschlüssel. Die Idee, man könne jetzt einfach Personal abbauen, ist völlig absurd, wenn man den Alltag in den Gruppen kennt“, so Löbl.
Qualität im Fokus: Frühkindliche Bildung als Frage der Gerechtigkeit
Ein zentraler Punkt der Debatte war auch die Frage nach der Qualität frühkindlicher Bildung. Die Podiumsgäste waren sich einig: Es geht nicht nur um die Zahl der Plätze, sondern um Zeit für jedes Kind, Sprachförderung, Inklusion, Beziehungsarbeit und verlässliche Teams. Die Kinder müssen im Mittelpunkt stehen. „Für uns als SPD ist frühkindliche Bildung eine Frage der Chancengerechtigkeit“, betonte Mroß. „Wenn wir an dieser Stelle sparen, zahlen die Kinder und die Gesellschaft später den Preis – in der Schule, im Berufsleben, in der Demokratie. Es geht nicht um Wohltätigkeit, sondern um Investitionen in Bildung“ In der Runde meldeten sich auch Erzieher*innen und Eltern zu Wort. Sie beschrieben Überlastung in den Teams, die Sorge vor schleichenden Angebotskürzungen und den Wunsch, die „demografische Delle“ als Chance zu nutzen: für kleinere Gruppen, mehr Förderung und eine stärkere sozialräumliche Vernetzung der Kitas.
Lösungswege: Schutzphase statt Sparprogramm – Moratorium und Planung
Im letzten Block wurde über Lösungswege gesprochen. Im Mittelpunkt stand der von der SPD eingebrachte Vorschlag eines Kita-Personal-Moratoriums, das der Jugendhilfeausschuss mit 10-2-2 Stimmen unterstützt hat. Die Idee: Das aktuell tatsächlich vorhandene pädagogische Personal wird über einen klar definierten Zeitraum abgesichert, statt es kurzfristig abzubauen. So entstünde eine Schutzphase, in der die Stadtverwaltung gemeinsam mit Trägern und Eltern auf Basis der mittelfristigen Bedarfsplanung die Kitalandschaft strategisch weiterentwickeln kann – ohne hektische Schließungen und irreparable Strukturbrüche. „Der Oberbürgermeister hat angekündigt, keine Kita zu schließen und keine Erzieherin zu entlassen“, sagte Mroß. „Das begrüße ich ausdrücklich – aber ein Versprechen braucht ein Konzept. Unser Moratorium ist genau dieser Brückenbau: Es macht aus der Parole eine umsetzbare Strategie.“ Gleichzeitig wurde deutlich, dass es hierfür auch Unterstützung des Landes braucht – sowohl politisch als auch finanziell. Der Stadtelternbeirat kündigte an, sich mit öffentlichen Aktionen und einer Demonstration auf dem Domplatz hinter die Forderung nach einer solchen Schutzphase und einer gerechten Planung zu stellen. Der Stadtelternbeirat ruft hierfür für den 09.03.2026 für eine Demonstration vor dem Rathaus auf.
Fazit: Kein Erkenntnis-, sondern Handlungsproblem
Am Ende des Abends stand ein klarer Eindruck: Die Probleme sind bekannt, die Zahlen liegen vor – jetzt geht es um Entscheidungen. „Demografie ist kein Sparprogramm“, fasste Daniel Mroß zusammen. „Wir stehen zwischen Sparzwang und der Entscheidung für Bildungschancen. Wenn wir nichts tun, entscheidet der Kostendruck – dann verlieren wir Fachkräfte, Kitas im Quartier und Qualität. Wenn wir handeln, können wir diese Jahre nutzen, um unsere Kitalandschaft zukunftsfähig zu machen.“ Der Diskussionsabend des SPD-Ortsvereins Erfurt-Süd hat gezeigt: Das Interesse am Thema ist groß, die Bereitschaft zum Mitdenken und Mitstreiten ebenfalls. Jetzt sind Stadtrat, Verwaltung und Land gefordert, aus Erkenntnis endlich konsequentes Handeln folgen zu lassen. Text: Daniel Mroß



